Maikäfersiedlung: Von der ehemaligen Volkswohnanlage zum modernen Wohnquartier

25. Juni 2017

35 bis 45 Quadratmeter Wohnfläche, verteilt auf zwei Zimmer, eine Wohnküche und ein WC, dazu ein Gartenanteil – nach dem ersten Weltkrieg war so eine Wohnung wahrer Luxus für so manche Münchner Familie. Die in der Zeit von 1936 bis 1939 gebaute sogenannte „Volkswohnanlage Echarding“ in Berg am Laim, vom Volksmund als Maikäfersiedlung bezeichnet, wurde daher als Musterbeispiel für den sozialen Wohnungsbau angepriesen. Bis 1939 wurden von der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft GWG über 600 Miet- und 190 Häuschen gebaut, vier kleine Geschäfte und eine Gaststätte. Diese Gaststätte, die heutige „Echardinger Einkehr“, war Mittelpunkt der Siedlung, der Platz davor diente unter den Nationalsozialisten als Aufmarschplatz.

Die Maikäfersiedlung im Jahr 2008 vor ihrem Abriss - die Bausubstanz war in die Jahre gekommen. Foto: Unser Berg am Laim

Die Maikäfersiedlung im Jahr 2008 vor ihrem Abriss – die Bausubstanz war in die Jahre gekommen. Foto: Unser Berg am Laim

 

Einzigartig für die Maikäfersiedlung war ihr Gartencharakter. Die Kleinstwohnungen waren eingebettet in kleine Nutzgärten zur Selbstversorgung. Vermietet wurden sie hauptsächlich an kinderreiche Familien. Die Miete sollte nach damaligen Vorgaben 20 Prozent des Brutto-Einkommens nicht übersteigen.

So idyllisch sich das anhört – und die Mieter-Kleingärten im Innenhofbereich waren für Spaziergänger durchaus malerisch anzusehen -, der bauliche Zustand der Siedlung und die Ausstattung der Wohnungen entsprachen schon lange nicht mehr den Ansprüchen. Seit der Entstehung der Siedlung hat sich hier Grundlegendes geändert. Es geht heute nicht mehr allein um die Schaffung von Wohnraum, es braucht auch eine gute Wohnqualität.

Die Einfachheit der Häuser sowie Bauschäden führten zu einer tiefgreifenden Veränderung: Der schrittweise, aber vollständige Abriss der bestehenden Siedlung! Aus der völlig veralteten Volkwohnanlage mit ofengeheizten Kleinstwohnungen wurde eine moderne innerstädtische Siedlung. Bis Herbst 2014 entstanden insgesamt über 850 neue Mietwohnungen in den unterschiedlichsten Größen, zum Teil gefördert, zum Teil frei finanziert. Von der alten Maikäfersiedlung sind heute nur noch die alten Siedlungs-Reihenhäuschen in Privatbesitz im Original erhalten.

Neubauten in der Maikäfersiedlung

Die Neubauten in der Maikäfersiedlung stießen auch auf Widerstand. Foto: Unser Berg am Laim

Den Auftakt und zugleich das neue Zentrum der Siedlung bildete 2008 ein siebengeschossiger Turm an der Bad-Schachener-Straße, in dem neben Läden und Büros auch Wohnungen untergebracht sind. Mit seinen drei- bis viergeschossigen Flügelbauten fungiert er auch als Schutz für die dahinter liegende kleinteiligere Bebauung.

Die 1,5 bis 5-Zimmer-Wohnungen sollen durch ihre sehr unterschiedlichen Grundrisse zu einer sozialen Mischung beitragen. Die Maisonette- und Atriumwohnungen werden zwar über die an der lauten Straße liegende Südseite belichtet, jedoch von der ruhigen Hofseite im Norden belüftet.

Die direkt an der Verkehrsachse liegenden Wohnungen verfügen über vorgeschaltete, einfachverglaste Loggien oder Atrien, die als akustische Puffer dienen. Die barrierefreie Erschließung fast aller Wohnungen wird über den Turm und dessen Aufzug ermöglicht. Jeweils zwei Wohnungen nutzten gemeinsam ein durch Glasbauwände geteiltes Atrium. Mit einem Gemeinschaftsraum auf der zweiten Etage, der allen Bewohnern zur Verfügung steht, wird ein wenig dem alten Siedlungsideal Tribut gezollt.

Farbe und Struktur des Außenputzes sind zwei weitere Gestaltungselemente. Wobei die Farbwirkung maßgeblich durch die Beschaffenheit des Putzes bestimmt wird. Abhängig von der Körnung und der jeweiligen Position der Passanten scheint die Fassade das Licht immer anders zu reflektieren und trotz gleichem Farbton den Eindruck einer Mehrfarbigkeit vermitteln. Dieses Spiel mit Farbe setzt sich auch im Innern des Gebäudes fort: Dort findet sie sich an den Fensterleibungen der halböffentlichen Bereiche, an einer Treppenhauswand, aber auch an den Wohnungseingangstüren und Loggien.

Die maroden Wohnblocks entlang der Bad-Schachener-Straße wurden ersetzt durch zwei- bis viergeschossige Neubauten, deren unterschiedliche Höhen Sonnenlicht in die begrünten Höfe und dahinter liegenden Reihenhäuser lassen. Mit Glaswänden auf den niedrigen Gebäudeteilen wird trotzdem der Lärmschutz gewährleistet. Der Kopfbau am östlichen Gebäudeabschluss ist barrierefrei für Rollstuhlfahrer mit großen Bädern, breiten Türen und entsprechenden Raumradien gebaut worden. An der Echardinger-, Gögginger- und Bad-Schachener-Straße sind weitere moderne Wohnungen entstanden.

Auch wenn es sich bei der Sanierung der Maikäfersiedlung durchaus um ein planerisches Konzept mit positiven Effekten für den Schallschutz handelt und die Wohnungen im Durchschnitt sehr viel moderner und etwa doppelt so groß wie die bisherigen Kleinstwohnungen sind: Von den „Maikäfern“ wurden Abriss und Neubauten kritisch, teilweise skeptisch begleitet.

Viele Anwohner befürchteten den Verlust ihrer malerischen Siedlung und damit des Charakters ihrer vielgeliebten Heimat. So wurden unter anderem die neuen Gebäude als „Kasernen im Plattenbaustil der früheren DDR“ kritisiert. Die alten Bewohner plädierten entgegen den Neubauplänen vehement für eine umfassende Modernisierung der alten Maikäfer-Häuser, was sich aber für die GWG als wirtschaftlich nicht sinnvoll darstellte.

Ob die Fassadenfarben, die Flach- statt der bisherigen Satteldächer, die Verschattung der dahinterliegenden Eigentumshäuser, die Sanierung der Gaststätte „Echardinger Einkehr“, die moderne Architektur der Neubauten – viele Themen haben im Zuge der Modernisierung zu mitunter heftigen Protesten seitens der Bürger geführt. Sogar Forderungen nach einem sofortigen Baustopp und einem neutralen Untersuchungsausschuss standen zeitweise im Raum.

GWG Wegsperrung

Durch Bauzäune fühlten sich die Nachbarn der GWG des Öfteren eingesperrt. Foto: Interessensgemeinschaft Maikäfersiedlung

Insbesondere durch zu lange stehende Bauzäune und dadurch fehlende Wegeverbindungen fühlten sich die Bürger des Öfteren beengt, ja regelrecht „eingesperrt“.

Heinz Gutbrunner, Sprecher der Interessensgemeinschaft Maikäfersiedlung, erhielt immer wieder auch Unterstützung vom damaligen Stadtrat und heutigen Landtagsabgeordneten Robert Brannekämper (CSU), der gegenüber der städtischen GWG im Münchner Stadtrat nicht nur eine sofortige Freigabe der Verbindungswege, sondern auch einen vernünftigen Umgang mit den Nachbarn anmahnte.

 

Heftige Kritik seitens der Bürger gab es auch bei der Sanierung der Traditionsgaststätte Echardinger Einkehr, ebenfalls Eigentum der GWG. Ursprünglich von zahlreichen Theatergruppierungen und Künstlern genutzt und ein wichtiger Baustein für das soziale und kulturelle Leben im Stadtbezirk, ist der heutige Festsaal – entgegen Zusagen des damaligen Oberbürgermeisters Christian Ude (SPD) – mangels Bühne und Technik für Theateraufführungen und kulturelle Veranstaltungen kaum noch nutzbar.

Auch wenn die meisten Kritikpunkte nicht ausgeräumt werden konnten: Um die Interessensgemeinschaft Maikäfersiedlung ist es inzwischen ruhiger geworden. Offensichtlich haben sich die meisten verbleibenden Maikäfer – mehr oder weniger zwangsläufig – mit der neuen Siedlungsoptik und den heutigen Gegebenheiten in ihrer Siedlung arrangiert.

Fabian EwaldMaikäfersiedlung: Von der ehemaligen Volkswohnanlage zum modernen Wohnquartier